Life-Interview ...

Philipp:
Hm, schwer zu sagen... Ich glaube, es hat sich einfach immer mehr herauskristallisiert, dass ich mir ein Leben hinter dem Schreibtisch und vor dem Computer für mich einfach nicht vorstellen kann. Nein, eigentlich mehr, dass ich so ein Leben für mich einfach nicht will!

Halt, da fällt mir ein, nachdem ich meinen allerersten Diavortrag gehalten hatte (das war 1997 über mein Jahr auf Island) - ich war komplett ausverkauft - hab ich mir glaube ich zum ersten mal ernsthaft Gedanken gemacht das ich vielleicht einmal von meinen Reisen Leben zu könnte ... - Fasziniert haben mich diese Typen schon immer, die Säle aufgrund ihrer Geschichten und Bilder füllen können...

Mit Vorbildern ist's ein bisschen schwierig. Ich hab nicht so wirklich mein Idol, doch haben mich als Kind schon immer die Bilder der Höhenbergsteiger und Teilnehmer der Nord- bzw. Südpolexpeditionen mit ihren vereisten Bärten und erfrorenen Fingern fasziniert. Auch war ich in meinen jungen Jahren ganz versessen darauf das neueste GEO-Magazin als erster der Familie zu durchstöbern und in meiner Phantasie durch die entlegensten Gegenden der Erde zu Reisen... Naja, ich hab ja auch nicht aus purer Langeweile jahrelang an meinem Geographiestudium herumgebastelt...

Warum ich in gewisser Weise anders lebe fragst du... Ich glaube, dass ich schon immer gerne gegen den Strom geschwommen bin und mich ungern in eine Schublade mit anderen schieben lasse. Für mich ist es manchmal fast erschreckend zu sehen wie alle (Freunde, Bekannte,...) früher oder später doch mit dem Strom dahin treiben. Vielleicht reden sie noch immer darüber, und denken darüber nach, einmal auszubrechen und "ganz etwas anderes" zu tun, doch schaffen werden es die Meisten letztendlich doch nie, weil Gesellschaftsdruck, Sicherheitsdenken und Angst vor diesem anderen zu groß sind...

Da kommt mir übrigens gerade "Little Boxes" von Pete Seger in den Kopf - eigentlich stammt es ja von Malvina Reynolds aber Pete hat es bekannt gemacht.

Und hoppla, da fällt mir doch noch ein richtiges Vorbild ein! Die Maus Frederik aus dem Kinderbuch von Leo Leonni. Während alle anderen Mäuse Essensvorräte für den Winter sammeln, sammelt Frederick Sonnenstrahlen, Farben und Worte. "Ich arbeite doch" sagt Frederik, "ich sammle Sonnenstrahlen, denn der Winter ist kalt und lang." Und das war auch gut so, denn seine Phantasie-Vorräte erwiesen sich als genauso wichtig wie Körner und Nüsse...

 Spitzbergen 1999
 

Philipp:
Ich glaub man sorgt sich immer um die Leute die man gerne hat - das ist ja auch gut so. Überall kann etwas passieren - du weißt ja, die meisten Unfälle passieren angeblich im Haushalt - insofern bin ich ja meist auf der sicheren Seite...

Aber Spaß beiseite, meine Eltern haben mich eigentlich nie an meinen Ideen und Unternehmungen gehindert, sondern mich vielmehr unterstützt meinen eigenen Weg zu finden und zu gehen. Das find ich eigentlich sehr nett! Sie waren schließlich auch diejenigen, die mir "Frederik, die Maus" so oft vorgelesen haben, bis ich das Buch auswendig konnte ;-) Vielleicht haben wir auch deshalb eine so angenehm freundschaftliche Beziehung...

 tellergroße Eisbärspuren
tellergroße Eisbärspuren
 

Philipp:
Für die meisten sind meine Vorträge Geschichten aus einer anderen Welt, in denen sie vielleicht manchmal ein bisschen ihre eigenen Wünsche sehen können.

Eigentlich reagieren die meisten sehr nett, vor allem während der Pause oder nach dem Vortrag und es gibt Lob, Bewunderung und Anerkennung - wenn ich das so sage komm ich mir eigentlich fast ein bisschen arrogant vor..., aber es ist so, und obwohl's mir manchmal fast ein bisschen unangenehm ist bewundert zu werden ist es wie auch immer ein schönes Gefühl in seiner Sache bestätigt zu werden.

Philipp Schaudy 2004


Philipp:
Also eine Geschichte die mir immer durch den Kopf geistert - die du übrigens schon vorher angesprochen hast - ist die mit dem Eisbären beim Zelt.
Ich war gemeinsam mit Fabrice im April 2004 auf einer Schiexpedition unterwegs zum Südkap. Nachdem wir am dritten Tag eine Gebirgskette überquert hatten kamen wir zum Van Koilenfjord und haben ganz übersehen, dass wir schon fast am Fjordeis waren, wo wir aufgrund der Eisbären (die hauptsächlich am Eis leben) nicht Zelten wollten. Also begannen wir noch vor dem Eis mit der Zeltplatzsuche, hatten es jedoch schwer, da es vor kurzem aus unerfindlichen Gründen getaut hatte und eine Eisschicht den Schnee wie ein Panzer zudeckte und wir lange keinen geeigneten Platz fanden um das Zelt zu fixieren.
Letztendlich mussten wir in einer unübersichtlichen Mulde einer Moräne neben dem Fjord zelten.

Als alles aufgebaut war (Zelt und Stolperdraht mit Knallpatronen um's Zelt) blickten wir uns um und betrachteten die Landschaft um unser Lager. Auf der einen Seite der nahe Fjord und rund herum Moränenhügel - hinter jedem könnte ein Eisbär ungesehen sitzen.

"Verdammt! Also wenn ich Eisbär wäre, dann würde ich mich genau hier aufhalten... ehrlich!"

Wie auch immer. Wir hatten keine andere Wahl, kochten, aßen und verkrochen uns in unseren Schlafsäcken. Es war eine angenehme, kühle Nacht. ... bis wir durch zwei laute Explosionen aufwachten!
In einem Bruchteil einer Sekunde saßen wir hellwach kerzengerade auf unseren Matten.

"Der Stolperdraht! Scheiße!" Alles ereignete sich in nur ein paar Augenblicken. Ich schnappte mir das Gewehr, lud durch, riss das Zelt auf... "Eisbär!!" Ich höre Fabrice fluchen während er sich aus seinem Schlafsack befreite. Ich was schon vor dem Zelt. Barfuss und nur mit der Unterhose bekleidet stand ich mit dem Gewehr im Anschlag im Schnee. Der Baer, nur vier Meter vor mir stand wie gelähmt da, schaute, schnupperte und bewegte sich nicht.

"Bleib wo du bist! Nur ein Zentimeter in unsere Richtung und ich drück ab!" ging es mir durch den Kopf. Fabrice versuchte eine Signalpatrone abzuschießen - ein Blindgänger! Natürlich! Der Baer stand noch immer, schnüffelte und bewegte sich nicht von der Stelle. Ich war Ebenfalls zu einer Säule erstarrt - die Kälte oder die Anspannung, keine Ahnung. Nichts geschah. Plötzlich begann Fabrice den Bären auf's wüsteste zu beschimpfen und ein Schwall aus nicht wiedergebbarem drang aus dem Vorzelt und durchschnitt die tödliche Stille. Der Baer schreckte zurück. Endlich eine Reaktion! Jetzt stimmte auch ich mit ein und schrie so laut ich konnte dem Bären irgendwelche vulgären Ausdrücke an den Kopf.
Er machte einen halben Schritt zur Seite, war sich sich nicht sicher, stand dann plötzlich auf die Hinterbeine auf, drehte sich im selben Moment um und begann über die Moränenwälle davonzulaufen.

Als sein dicker Hintern endlich hinter den Hügeln verschwunden war ließ ich die Waffe sinken. "Phu, ist mir kalt!" Der Adrenalinspiegel sank und die Kälte fuhr mir so stark in die Knochen dass ich vor Schlottern und Zähneklappern plötzlich kaum noch stehen konnte. Ich verkroch mich in den Schlafsack und zitterte noch immer als Fabrice wieder ins Zelt kam, nachdem er unseren Stolperdraht repariert hatte.

Es dauerte ewig bis ich wieder warm wurde. Wir hatten noch eine halbe Nacht "Schlaf" vor uns und nachdem wir uns insgesamt wieder beruhigt hatten, rollten wir uns auf unsere Seiten und versuchten zu Schlafen. Keiner von uns hatte bis in der Früh auch nur ein Auge zugemacht.
"Was war das? Hast du das gehört?" "Nein. ...doch!" Aber es war immer nur der Wind der die Zeltplane flattern ließ - der Baer kam nicht zurück...

Valeska:
...


Valeska und Philipp 2005